Die Studie auf einen Blick
So würde man die Studie in einer Prüfung oder im Journal Club zusammenfassen.
- Fragestellung
- Wirkt ein Placebo bei Reizdarmsyndrom auch dann, wenn die Person weiss, dass es keinen Wirkstoff enthält?
- Design
- Randomisierte kontrollierte Studie, offen (die Teilnehmenden kannten ihre Gruppe), ein Universitätsspital in Boston, 3 Wochen
- Teilnehmende
- 80 Erwachsene mit Reizdarmsyndrom nach Rom III, 70 % Frauen, Durchschnittsalter 47 Jahre, Symptomschwere zu Beginn rund 300 von 500 Punkten (Grenze mittelschwer zu schwer)
- Behandlung
- Placebo-Kapseln, offen als «Placebo-Pillen» beschriftet, laut Etikett 2 Kapseln zweimal täglich. Vor der Zuteilung hörten alle Teilnehmenden, auch die spätere Kontrollgruppe, ein rund 15-minütiges, bewusst positives Gespräch über den Placebo-Effekt. Die Placebo-Gruppe wurde an Tag 11 nochmals an die vier Kernbotschaften erinnert.
- Vergleich
- Keine Pillen, aber ähnlich viel Zeit und Zuwendung vom Fachpersonal. Beratung zum Reizdarm nach Studienende versprochen.
- Primärer Endpunkt
- Gesamtverbesserung (IBS-GIS) nach 21 Tagen, Skala 1 bis 7, Selbstauskunft
- Ergebnis
- 5,0 vs. 3,9 Punkte (p = 0,002, d = 0,79). Auch Symptomschwere und ausreichende Linderung signifikant besser, Lebensqualität nicht signifikant. Konfidenzintervalle nennt der Artikel nicht.
- Einordnung
- Pilotstudie mit kleiner Stichprobe, rein subjektiven Messgrössen und einer stark positiven Einführung. Die grössere Folgestudie von 2021 fand einen deutlich kleineren Vorteil.
Von 92 geprüften Personen zu zwei Gruppen
Das Flussdiagramm ist der Teil einer Studie, den viele überspringen. Hier sieht man, wie viele Personen wo verloren gingen.
nicht abgeschlossen: 4 Abbruch, 1 Terminkonflikt, 1 unerwünschtes Ereignis31
nicht abgeschlossen: 3 Abbruch, 1 Terminkonflikt39
Ausgewertet wurde nach dem : Alle bleiben in ihrer zugeteilten Gruppe. Fehlende Werte füllte das Team mit dem letzten vorhandenen Wert auf (). Bei Symptomschwere und Lebensqualität gibt es dafür immer einen Ausgangswert. Gesamtverbesserung und ausreichende Linderung werden erst ab Tag 11 erhoben, hier ging das nur bei Personen mit mindestens einem Folgetermin. Wie viele ganz ohne Folgetermin blieben und wie sie gezählt wurden, steht nicht im Artikel. Die fehlenden Werte an Tag 11 und Tag 21 lassen sich nicht addieren: Mindestens 3 Personen ohne Messwert an Tag 11 kamen an Tag 21 wieder.
Was die Zahlen zeigen
Punkte zeigen den Mittelwert, die Linien die Streuung (± eine Standardabweichung). Die Streuung ist gross: Vielen Einzelnen aus der Kontrollgruppe ging es besser als manchen aus der Placebo-Gruppe. Zieht man je eine Person aus beiden Gruppen, liegt die Person aus der Placebo-Gruppe bei der Gesamtverbesserung in rund 7 von 10 Fällen höher. Die Fehlerbalken in Figure 2 des Originals sind viel kürzer: Sie entsprechen offenbar dem Standardfehler, ohne dass das angegeben ist, und die Achse beginnt bei 3. Beides lässt den Unterschied grösser wirken.
Gesamtverbesserung (IBS-GIS)
Die Kontrollgruppe liegt am Ende fast genau bei 4, also «unverändert». Die Placebo-Gruppe liegt bei 5, «leicht besser».
Ausreichende Linderung (IBS-AR)
Unten zum Vergleich: Placebo-Gruppen doppelblinder Reizdarm-Studien (laut den Autoren 30 bis 40 %, in einer Übersicht im Mittel 40 %, einzelne Studien 16 bis 71 %) und das Medikament Alosetron aus 12-wöchigen Studien. Diese Zahlen stammen aus anderen Studien mit anderer Dauer, anderen Teilnehmenden und Verblindung. Aussagekräftig ist der Abstand zur eigenen Kontrollgruppe: 59 % gegenüber 35 %.
| Messgrösse | Keine Behandlung n = 43 | Offenes Placebo n = 37 | p |
|---|
| Merkmal | Keine Behandlung | Offenes Placebo |
|---|
Rot hinterlegt: Unterschiede von 10 Prozentpunkten oder mehr. Solche Zufallsunterschiede sind bei kleinen Gruppen auch mit Zufallszuteilung zu erwarten. Die Schwelle ist eine Lesehilfe, kein statistisches Kriterium.
Die Studie lesen
Der vollständige Artikel, Absatz für Absatz übersetzt. Gepunktet unterstrichene Begriffe lassen sich antippen. Gelb markiert sind Stellen, die für die kritische Beurteilung wichtig sind.
Kritisch prüfen
Überlege dir zuerst selbst eine Antwort. Dann zeig die Einordnung an und spring zur passenden Stelle im Text. Die meisten Karten zeigen Schwächen, eine zeigt eine Stärke.
Was die Forschung seither zeigt
Eine Studie liest man nie allein. So sieht die Lage bei offenen Placebos heute aus.
Das gleiche Bostoner Team hat die Studie 2021 grösser und länger wiederholt: 262 Erwachsene mit Reizdarmsyndrom, 6 Wochen, mit offenem Placebo, doppelblindem Placebo oder ohne Pille. Die Einführung war diesmal zurückhaltender: Man wisse nicht, ob Placebos auch offen gegeben wirken.
Das offene Placebo war wieder besser als keine Pille, bei der Symptomschwere (jetzt der primäre Endpunkt) und bei der Gesamtverbesserung. Der Vorteil war aber deutlich kleiner als 2010. Bei der ausreichenden Linderung war er nicht mehr signifikant. Offenes und verdecktes Placebo wirkten ähnlich.
Metaanalysen zeigen ein bekanntes Muster: Mit wachsender Zahl an Studien wurde der geschätzte Effekt kleiner, von d = 0,88 (2017) über 0,72 (2021) bis 0,47 bei Erkrankten in der Übersicht von 2025 mit 60 Studien. Diese jüngste Übersicht findet einen kleinen, aber relevanten Effekt bei selbst berichteten Beschwerden und praktisch keinen bei objektiven Messgrössen (0,09, nicht signifikant). Die meisten Studien teilen das Grundproblem von 2010: Die Teilnehmenden kennen ihre Gruppe und beurteilen ihre Beschwerden selbst.
Für dein Verständnis heisst das: Die Pilotstudie hat den Effekt vermutlich überschätzt. Die Grundidee, dass ein offen gegebenes Placebo die selbst erlebten Beschwerden lindern kann, hat sich aber gehalten.
| Merkmal | 2010 | 2021 |
|---|---|---|
| Teilnehmende, Dauer | 80, 3 Wochen | 262, 6 Wochen |
| Primärer Endpunkt | Gesamtverbesserung | Symptomschwere |
| Einführung | bewusst positiv | zurückhaltend |
| Gesamtverbesserung, offenes Placebo gegen keine Pille | d = 0,79 | d = 0,35 |
| Symptomschwere, offenes Placebo gegen keine Pille | d = 0,53 | d = 0,43 |
| Ausreichende Linderung, offenes Placebo gegen keine Pille | 59 % vs. 35 %signifikant | 43 % vs. 33 %nicht signifikant |
- Lembo A, Kelley JM, Nee J et al. (2021). Open-label placebo vs double-blind placebo for irritable bowel syndrome: a randomized clinical trial. Pain 162(9): 2428 bis 2435. doi.org/10.1097/j.pain.0000000000002234
- Fendel JC, Tiersch C, Sölder P, Gaab J, Schmidt S (2025). Effects of open-label placebos across populations and outcomes: an updated systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Scientific Reports 15: 29940. doi.org/10.1038/s41598-025-14895-z
- von Wernsdorff M, Loef M, Tuschen-Caffier B, Schmidt S (2021). Effects of open-label placebos in clinical trials: a systematic review and meta-analysis. Scientific Reports 11: 3855. doi.org/10.1038/s41598-021-83148-6
- Charlesworth JEG, Petkovic G, Kelley JM et al. (2017). Effects of placebos without deception compared with no treatment: a systematic review and meta-analysis. Journal of Evidence-Based Medicine 10(2): 97 bis 107. doi.org/10.1111/jebm.12251